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Juli 2005Juli 2005
Juli 2005
Franziska Michor, Forscherin es Monats Juli
Foto: Alois Endl

Sie sind 22 und haben bereits ein PhD  von der Eliteuniversität Harvard. Ein PhD schaffen die meisten Menschen erst mit Mitte dreißig. Wie haben Sie das gemacht?

Ich hab mich in der Schule recht gelangweilt. Ich wollte eigentlich eine Schulstufe überspringen, aber das ging nicht. Deswegen habe ich oft die Schule geschwänzt und mich anderweitig beschäftigt. Als ich endlich von diesem starren Rhythmus der Schule, mit den Vorschriften, wann ich was zu lernen habe, befreit war, hatte ich jede Menge Energie und Motivation für das Studium und absolvierte die Prüfungen ganz schnell. Im ersten Jahr ging ich kaum in Vorlesungen, sondern lernte aus Büchern, und so ging alles ruckzuck - 27 Prüfungen in einem Jahr. Diese Schnelligkeit habe ich bis heute beibehalten.

Was haben Sie studiert?

Ich schwankte lange zwischen Chemie, Biologie, Astronomie, Mathematik oder Physik. Erst beim Inskribieren entschied ich mich für Molekularbiologie und Mathematik. Nach eineinhalb Jahren in Wien studierte ich ein Semester medizinische Biotechnologie in Triest. Das war spannend - denn ich sprach nur wenig Italienisch, und die Professoren seltsamerweise auch nicht Englisch. Meine erste Prüfung nach wenigen Wochen machte ich mit Hand und Fuß und dem Zeichnen der DNA Doppelhelix - und es hat funktioniert.

Wie kamen Sie dann nach Harvard?

Im Juni 2002 hielt Martin Nowak, der damals Professor am Institute for Advanced Study in Princeton war, am Erwin Schrödinger Institut in Wien einen Vortrag über die Evolution der Sprache. Martin Nowak kannte ich schon von den Europäischen Wissenschaftstagen in Steyr im Juli 2000. Beim anschließenden Empfang redete ich mit ihm über Cambridge und Oxford - damals wollte ich mein Doktorat in Cambridge machen, und Martin Nowak hatte zuvor neun Jahre in Oxford verbracht. Martin sagte, wenn ich mich für Biologie und Mathematik interessiere und ins Ausland gehen wolle, könnte ich doch mit ihm forschen. Er erzählte, er habe gerade eine Kooperation mit Bert Vogelstein, einem Darmkrebsforscher an der Johns Hopkins University in Baltimore, begonnen. Ich könnte mein Doktorat über so ein Thema machen. Ich war Feuer und Flamme. Im Juli 2002 bewarb ich mich in Harvard. Nun musste ich innerhalb von zwei Monaten meinen ersten Studienabschnitt beenden, der ja eigentlich drei Jahre dauert. Ich war im zweiten Jahr und mir fehlten noch 14 Prüfungen und 30 Laborstunden. Mein größtes Problem war nun, dass einige Professoren nicht bereit waren, mir außertourlich Prüfungstermine anzubieten. Professorin Renée Schröder, die das Molekularbiologiestudium in Wien initiiert hat, hat mich sehr unterstützt und mir bei einigen Schwierigkeiten geholfen. 24 Stunden vor Abflug hatte ich den Bachelor in der Hand - oder vielmehr das Zeugnis über den ersten Studienabschnitt. Dann musste ich Harvard erst davon überzeugen, dass das gleichwertig mit einem amerikanischen Bachelor sei.

2002 hatten Sie also den Bachelor. Aber wie schafften Sie in drei Jahren ein PhD? Da braucht man doch mindestens sechs Jahre!

Im ersten Jahr habe ich nur geforscht. Das war das schönste Jahr überhaupt. Ich war in Martin Nowaks Forschungsgruppe am Institute for Advanced Study in Princeton. Ich durfte mit sehr interessanten Gastprofessoren, wie dem Japaner Yoh Iwasa, arbeiten. In diesem Jahr habe ich circa zehn theoretische Arbeiten gemeinsam mit Yoh Iwasa und Martin Nowak publiziert. 2003 sind wir nach Harvard umgezogen, und ich widmete mich neben der Forschung meinem Doktorat - dafür muss man zwei Jahre lang Lehrveranstaltungen besuchen und ein Jahr unterrichten. Im Mai dieses Jahres war ich mit allem fertig.

Wieso sind Sie so schnell?

Ich weiß nicht warum - es drängt mich einfach, die Dinge rasch zu erledigen. Finanziert wäre das Doktoratsstudium für sechs Jahre gewesen. Im September 2004 habe ich mich für eine Post-Doc Stelle beworben, ein Junior Fellowship der Harvard Society of Fellows, und es glücklicherweise bekommen. Deswegen machte ich das Doktorat so schnell fertig.

Woran arbeiten Sie, was ist genau Ihre Forschungstätigkeit?

Ich entwickle mathematische Modelle von Krebsgenetik. Einerseits geht es um generelle Vorgänge und Mutationen, die in jeder Krebsart vorkommen, andererseits um spezielle Krebsarten, etwa Darmkrebs oder Leukämien. Gerade eben ist in der Wissenschaftszeitschrift Nature (Nature 435 vom 30.6.2005) eine Arbeit über die Dynamik von chronischer myeloischer Leukämie erschienen. In dieser Arbeit entwickeln wir ein mathematisches Modell, um ein quantitatives Verständnis der Leukämie zu etablieren und Vorhersagen über chemotherapeutische Behandlungen zu machen.

Welche Vorhersagen können Sie mit dem Modell machen?

Chronische myeloische Leukämie ist eine der wenigen Krebsarten, die mit spezifischer und ‚molecularly targeted' Therapie behandelt werden kann. Diese Leukämie wird durch das Philadelphia-Chromosom verursacht - eine chromosomale Translokation, die ein Onkogen produziert und somit die abnormale Zellteilung bewirkt. Vor ca. fünf Jahren wurde ein spezifisches Therapeutikum (Imatinib) entwickelt, das nur Krebszellen inhibiert und somit kaum Nebenwirkungen hat. Die Entwicklung von Imatinib war ein großer Erfolg in der Krebsforschung. Mit unserem Modell können wir allerdings zeigen, dass Krebsstammzellen (die primitiven Krebszellen, die unbeschränkte Teilungsfähigkeit haben) von Imatinib nicht inhibiert werden und diese Leukämie daher mit Imatinib nicht geheilt werden kann. Ein anderes Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Rolle von genetischen Instabilitäten in der Krebsentstehung.

Was sind genetische Instabilitäten?

Genetische Instabilitäten sind erhöhte Mutationsraten, die durch genetische Änderung bestimmter Gene verursacht werden. Eine sehr umstrittene Frage in der Krebsforschung ist, ob genetische Instabilitäten früh in der Krebsentstehung auftreten oder nur die Konsequenz anderer Veränderungen und erst spät zu beobachten sind. Mit einem mathematischen Modell können wir zeigen, dass solche Instabilitäten sehr früh bzw. als erste genetische Veränderung in der Onkogenese auftreten und somit alle anderen Mutationen antreiben.

Welchen Unterschied sehen Sie bezüglich Forschung in Österreich und in den USA?

Wissenschaftlich hätte ich in Österreich vermutlich nicht so viel erreicht. Das liegt einerseits an den unterschiedlichen Möglichkeiten in den USA und hier - die USA verfügen über eine unglaubliche Konzentration von fantastischen Forschern, tolle finanzielle Möglichkeiten und einen sehr beflügelnden Forschergeist - andererseits an dem unterschiedlichen Zugang, den Studenten zu Professoren haben. Bei uns in Harvard beteiligen sich schon 18jährige Studienanfänger an den Forschungsprojekten der Professoren. Aber natürlich hatte ich auch ganz besonders großes Glück, mit einem so guten Doktorvater wie Martin Nowak arbeiten zu dürfen.

Ist Martin Nowak Österreicher?

Ja. Er studierte in Wien Mathematik und Biochemie, ging dann für neun Jahre nach Oxford, arbeitete dort an der mathematischen Beschreibung von Infektionskrankheiten und wurde erst nach Princeton und dann nach Harvard berufen. Er ist ein ganz toller Förderer und Ratgeber.

Hatten Sie auch in Wien Mentoren?

In Wien war besonders Kim Nasmyth vom IMP, dem Institute of Molecular Pathology in der Dr.-Bohrgasse, wichtig für mich. Ich arbeitete einen Sommer lang an einem Projekt in seiner Gruppe. Mit Kim treffe ich mich regelmäßig, und er berät mich, wie ich wissenschaftlich weitermachen soll. Außerdem schätze ich Renée Schroeder und Rudolf Schweyen sehr - beide haben mich sehr unterstützt.

Wurden Sie auch von Ihrem Vater gefördert?

Mein Vater, Peter Michor, ist Professor für Differentialgeometrie an der Universität Wien. Als ich fünf war, hat er mir die Möbiusschleife erklärt - das ist eine Schleife, die nur eine Oberfläche hat. Er hat mir schon früh die Liebe zur Wissenschaft vermittelt und mich immer in meiner Wissbegierde ernst genommen.

Wollte Ihr Vater, dass Sie in seine Fußstapfen treten?

Er hat meiner Schwester Johanna und mir nie gesagt, was wir studieren sollen. Er hat uns aber gezeigt, dass die Mathematik etwas sehr Schönes und das Leben als Wissenschaftler ganz toll ist. Damit war er erfolgreich - heute forschen wir beide in der Mathematik, Johanna in der reinen und ich in der angewandten. Ganz wichtig war auch die bedingungslose Liebe meiner Mutter. Ich war ein rechtes Nesthäkchen, wollte nicht in den Kindergarten und blieb lieber bei der Mama zuhause. Später wurde ich sehr selbständig. Ab 15 machte ich viele Auslandsreisen.

Franziska Michor, Forscherin des Monats Juli
Foto: Alois Endl

Was sind Ihre Zukunftsvorstellungen? Wollen Sie in den USA bleiben?

Ich werde sicher noch einige Zeit in Amerika verbringen - vorausgesetzt, die Wissenschaft hat weiter einen so wichtigen Platz in meinem Leben. Ob ich zurückkehre, hängt natürlich auch von den Angeboten ab. Vielleicht eröffnet sich in Wien ja eine Möglichkeit, die mich fasziniert.

In den vergangenen Jahren haben Sie Ihre Energie auf Ihr Studium fokussiert. Fehlt Ihnen eigentlich manchmal, was andere Menschen in Ihrem Alter so treiben

Das habe ich ja mit 16 schon gemacht. Da hab ich viel gefeiert und Turniertanz betrieben - ich habe viermal die Woche die halbe Nacht durchgetanzt. Es war wunderschön. Ich habe so viel gefeiert, dass ich nachher nicht mehr so richtig das Bedürfnis dazu hatte. Jetzt mache ich eben die Nacht durch, wenn ich an einem spannenden Projekt arbeite.

Wie entspannen Sie sich?

Wenn ich zuhause in Klosterneuburg bin, gehe ich reiten. Meine Schwester und ich haben zwei Islandpferde - stundenlang ausreiten gehen im Wienerwald ist das Ultimative. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, oder zumindest im Wienerwald, und ich brauche viel Wald und Wiesen. In Boston laufe ich gerne am Charles River entlang und ich gehe schwimmen. Oder ich sitze vor dem Kamin in meiner Wohnung, das ist auch entspannend.

Wie ist Ihre Arbeitszeit?

Von acht Uhr morgens bis elf Uhr abends.

Da gehört schon viel Disziplin dazu …

Es ist die Liebe zur Arbeit. Es gibt auch Zeiten, wenn nichts funktioniert - wenn gerade ein Paper abgelehnt wurde, oder ich bringe eine Rechnung nicht zusammen, oder zuhause ist mit den Pferden etwas passiert, und mir geht alles auf die Nerven - dann arbeite ich auch nicht so viel. Aber wenn es ein spannendes Projekt gibt, könnte ich den ganzen Tag und die ganze Nacht arbeiten.

Haben Sie auch einmal Diskriminierung als Mädchen oder Frau erlebt?

Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen: Ich war 18, und es war Zeit für den Führerschein. Meine Schwester und ich überlegten, ob wir auch den LKW-Führerschein machen sollten, da wir ja Pferde haben. Da sagte mein Vater, seiner Meinung nach gehöre zur klassischen Ausbildung eines Mädchens heutzutage auch der LKW-Führerschein. Also sind wir mit diesem 18-Tonnen-Ding durch die Gegend gedonnert, und ich konnte das genauso gut oder sogar besser als die Buben. Das hat mir deutlich gezeigt: Es gibt keinen Unterschied zwischen Mädchen und Buben. Es war zwar körperlich schwierig, diesen Riesen-Anhänger anzuhängen, aber fahren konnten wir genauso gut. Das war ein Schlüsselerlebnis: Alle Türen stehen offen, wenn man sich nur traut, sie aufzumachen und durchzugehen!

Das Interview führte Margarete Endl von der ÖGUT - Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik.

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